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Eine Pop-Ikone auf der Couch

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David Foenkinos Roman „Lennon“

Von Anne Amend-Söchting


Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Spätestens seit dem Erscheinen von Charlotte (2014 im Original, 2016 in der deutschen Übersetzung) ist der französische Schriftsteller und Filmemacher David Foenkinos auch hierzulande kein Unbekannter mehr. Lennon, schon 2010 im Original erschienen, umfasst die Jahre 1975 bis 1980, als sich der 35-jährige Ex-Beatle – so die Fiktion – einer Psychoanalyse unterzieht. Nicht mehr als 18 Sitzungen in fünf Jahren sind es, in denen der Ich-Erzähler Lennon sein Leben Revue passieren lässt und dabei versucht, im Abseits der inkommensurablen Popularität zu seiner wahren Identität vorzudringen.

Seinen „Seelenmüll“ wolle er abladen, so der Auftakt in der ersten Sitzung, er suche die „Gebrauchsanleitung zum Glücklichsein“. Der Leidensdruck, der ihn bei einem fremden Menschen in die Horizontale zwingt, entzündet sich an dem, was sich als eine Art bipolare Störung offenbart, denn ein Teil von ihm halte sich „für einen recht erbärmlichen Typen, und ein anderer […] für Gott“. Drogen und Therapien, unter anderem die Urschrei-Therapie, so bekennt Lennon, haben diese Diskrepanz nicht lösen können. Das „spätere Desaster“ habe sich bei ihm schon früh angekündigt, denn er sei in das Chaos des Krieges und zudem in eine Familie hineingeboren worden, die ihn nicht gewollt habe. Lennon wächst bei seiner Tante Mimi auf, seine Eltern, „nette Spaßvögel“, die sich gegenseitig niedermachen und sich schließlich trennen, sehen sich nicht imstande, sich um ihn zu kümmern. Während sein Vater in späteren Jahren bemüht ist, sich ihm als Trittbrettfahrer des Ruhms zu nähern, musiziert er mit der Mutter, entwickelt ein gutes Verhältnis zu ihr und ist tief getroffen, als sie von einem betrunkenen Polizisten überfahren wird.

Den größten Raum nehmen in Lennons langem Monolog, wenig erstaunlich, die Etappen des Aufstieg der Beatles ein: Von „The Quarrymen“ avancieren sie zu den Beatles, erst noch mit Stuart Sutcliffe, dem geheimnisvollen „fünften Beatle“, der in seine Rolle als Bassgitarrist hineingedrängt wurde, die Gruppe schließlich verlässt, in Hamburg verstirbt und Lennon „eine Schuld des Überlebens“ einpflanzt. Das Schlagzeug übernimmt Ringo Starr von dem eher introvertierten Pete Best, für Lennon als „ein kurz vor der Geburt abgetriebenes Kind“, weil er vor dem endgültigen Triumph der Beatles „gefeuert“ wird. Nach ersten Erfolgen in einer Hamburger Kneipe spielen die Beatles sehr schnell nur noch in vollen Häusern. Ein negativer Höhepunkt ist Lennons Hitlergruß in Amerika, den er in der Retrospektive als „Stressabbau durch Zynismus“ rubriziert. Das sei nicht das einzige Zeugnis des Megalomanen geblieben, so stellt Lennon klar: Er habe sich auch selbst für Jesus gehalten und die Beatles als eine Art Religion angesehen, was von der kollektiven Hysterie rund um ihr Erscheinen genährt worden sei. Nicht selten habe er Angst gehabt, erschossen zu werden. Foenkinos fiktiver Lennon streift seine erste Ehe mit Cynthia, die Geburt seines Sohnes Julian, bevor er intensiv auf die Liebe seines Lebens, Yoko Ono, eingeht. Hinzu kommen die Reisen nach Indien, der Tod des Managers Brian Epstein, die Gründung von „Apple Records“ aus ökonomischen Entscheidungen heraus und das Leben der Gruppe in einer „utopischen Kreativitätsblase“, bevor ihre Mitglieder beschließen, eigene Wege zu gehen. Mit Yoko Ono fühle er sich vereint, er sei mit ihr identisch, er sei frei, vor ihm liege der „hundertprozentige Weg“. Er habe jedoch keine andere Wahl gehabt, als mit ihr in die USA zu ziehen, weil ihr nach seiner Trennung mit Cynthia trotz des allgemeinen Klimas von Flower-Power in England sehr großer Hass entgegengeschlagen sei, „kübelweise“ habe man „Dreck“ über sie gekippt.

Nach einer Auszeit von der großen Liebe, einer Episode mit einer anderen, jüngeren Frau, richtet er sich in einem fast normalen Leben mit Yoko ein. Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes arbeitet sie als Künstlerin, während John sich im Hausmann-Dasein gefällt. Am Ende jedoch steht ein kreativer Schub, der Versuch eines Comebacks mit einem Soloalbum, aus dem die Single Just like starting over ausgekoppelt werden soll. Das berichtet Lennon am siebten Dezember 1980, einen Tag, bevor er von seinem psychotischen Fan Mark David Chapman erschossen werden wird.

Formal folgen die einzelnen Episoden, die einzelnen „Sitzungen“, fast immer demselben Schema: Ein kurzer Einstieg als Rahmen, bezogen auf das Setting, auf die Zeit des erzählenden Ichs, der vom Abtauchen in den Binnenraum der Erinnerungen und eventuell zusätzlich einer kurzen Schlussfolgerung zu einem Ganzen erweitert wird. Maximenartige Einschübe, Sentenzen und Lebensweisheiten überlagern außerdem die imaginierte Autobiografie.

Obwohl sich Foenkinosʼ Stil spröde und trocken gibt, schreiten die parataktisch addierten Satzglieder in einem dynamischen Kontinuum voran und vereinen sich zu einer Redekur im ganz klassischen Freudschen Sinne. Dieser verbale Erguss steht im Gegensatz zur im Text mehrfach erwähnten „Schweigekur“, die Lennon unter anderem in Indien erlebte. Eine Schweigekur legt sich ebenfalls der Analytiker auf, denn er unterbricht an keiner Stelle, fragt niemals nach und vermeidet selbst minimale Ansätze einer Deutung. So drängt sich der Eindruck auf, dass das psychoanalytische Setting ein Vorwand ist, zum einen um das Vergangene in uneingeschränkter Unmittelbarkeit zu reaktualisieren, zum anderen um die Leser an die Stelle des Analytikers zu setzen, um sie, als zwar namenlose und stumme, aber nicht zum Stumpfsein verdammte Leserschaft zu Rückschlüssen, Verknüpfungen und Interpretationen zu animieren. Lennons Erinnerungen, die man kaum als freie Assoziationen bezeichnen kann, legen Deutungen nahe, laden ein zum genaueren Hinsehen, zum Zusammenfügen von Puzzlestücken und mögen ebenfalls einen biografisch-psychoanalytischen Blick auf die Songs der Beatles anregen. Foenkinos verfolgt konsequent diese biografische Spur: die Genese eines Künstlers, von der Mutter vernachlässigt und verlassen, zur Einsamkeit verdammt, sich eine eigene Realität erschaffend in einer Creatio ex nihilo, einer Kunst, „die aus dem Nichts“ komme, wie er Lennon in den Mund legt.

Das panoramagleiche Werden eines ausgefreakten Pop-Stars, der an der Seite von Yoko Ono mit „Bed-Ins“ für den Weltfrieden kämpft, gibt sich einerseits nahezu märchenhaft, zumindest surreal, andererseits ist es erstaunlich realitätsnah, denn vieles, was hier zur Sprache kommt, ist so geschehen, lässt sich problemlos herbeigoogeln oder in einer der zahlreichen Publikationen über die „Fab four“ als Gruppe oder Lennon allein nachlesen. Und gerade weil das Psychogramm des Gigantomanen mehr in die Breite als in die Tiefe geht, sind die Leser als Co-Autoren gefragt, denn wir wissen seit Jean-Paul Sartre, dass sich jeder Text erst im Lesen aktualisiert, weiterbildet und inszeniert. Somit ist auch der französische Begriff „Séance“ als Titel für die einzelnen Episoden sehr viel besser geeignet als das deutsche „Sitzung“, konnotiert jener doch mehr das semantische Feld der Vorstellung und der Öffentlichkeit, das in diesem vermeintlich psychoanalytischen Diskurs mitschwingt. Eine solche Grundidee der Performanz ist in Lennon stärker ausgeprägt als der Rekurs auf die Songs der Beatles, auf deren Melodien und Texte. In der Idee der „Séance“ kristallisiert sich außerdem die Spannung zwischen privater und öffentlicher Existenz, die entscheidende Frage, wie (und ob überhaupt) es sich so lebt, wenn man berühmt ist, wenn einen diese Berühmtheit hinterrücks überfällt und man in keiner Weise darauf vorbereitet war. Man kann kaum mehr authentisch sein, wenn das „Leben zum Allgemeingut gehört“, oder noch krasser: „Jeder meint irgendwie, seine Meinung über mich und meinen Schwanz abgeben zu müssen“ und „manchmal, wenn ich was denke, frage ich mich schon, ob das eigentlich noch ich bin, der das denkt“. Von außen oktroyierte Gedanken summieren sich zu Ego States der Dependenz, zu Schichten der Ablagerung, zu Hüllen, die Lennons Kern-Individualität zu ersticken drohen. Sie formen ein Layering, das es nun von außen nach innen wieder abzutragen, wieder auszuhebeln gilt.

Auf einer rein empirischen Ebene kann man sich fragen, welchen Wert ein Buch hat, das bei mehr als 4.000 Einträgen zu den Beatles und bei mehr als 1.000 Einträgen zu Lennon (Amazon, Rubrik „Bücher“) eine Nische zwischen Fakt und Fiktion besetzt. Dem ist entgegenzuhalten, dass Foenkinos dem Lennon jenseits der Repräsentationsoberfläche in den „18 Sitzungen“ eine sehr authentische Stimme verliehen hat, dem verletzten Kind nämlich, das seine Wunden nicht selten mit megaloman angehauchten Attacken übertünchte. Diese Stimme ist eine sehr ergreifende, vor allem eine anregende, denn sie verlangt nicht nur nach einer biografischen Lesart, sondern lädt gleichermaßen dazu ein, wieder einmal die Beatles zu hören. Seine Songs seien alle autobiografisch, so der Lennon auf der Couch. Ihm zur Seite zu stellen ist der schreibende Foenkinos, der im Nachwort kundtut, dass er beim Verfassen seines Romans andauernd Songs von Lennon und den Beatles gehört habe. Das empfiehlt sich auch während des Lesens oder danach.

Christian Kolb hat den Roman meisterhaft ins Deutsche übertragen. Er übersetzt, so kann man ganz stereotyp sagen, so nah am Ausgangstext wie möglich und so frei wie nötig. Dabei ist eine Prosa herausgekommen, die „nicht nach Übersetzung riecht“ (cela ne sent pas la traduction), sondern die Illusion erweckt, ein deutsches Original zu sein.

Foenkinos erweist sich nicht nur als bekennender Lennon-Fan (sein Schicksal berühre ihn, er sei „Teil seines Lebens“), sondern er beweist einmal mehr seismografische Antennen, wenn es mit Bezug auf eine Künstler-Persönlichkeit um das Nachzeichnen wesentlicher Lebensstationen, damit einhergehender Probleme und vor allem auch um das Spiel und Widerspiel von Privatem und Öffentlichem geht.



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